• Alexander Pigulla

Ärztemangel durch Ärztemigration?

Aktualisiert: 5. März 2020

Das Thema der Auswanderung von Ärzten ist eines, das durchaus emotional behandelt wird, insbesondere seit sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn der Thematik angenommen hat. Da wird dann mitunter bewusste Abwerbung unterstellt und auch schon davon geredet, diese Angelegenheit irgendwie «neu zu regeln».


Hinzu kommt der Anschein, es handle sich um ein Massenphänomen. Durch die Art und Weise, in der das Thema angegangen und kommuniziert wird, entsteht in der Bevölkerung ein Stück weit der Eindruck, die Ärzte würden geradezu in Horden aus dem Land strömen, ihr vom deutschen Steuerzahler bezahltes Diplom in der Tasche. Und nahezu zwangsläufig wird dieses Thema dann auch noch mit dem des «Ärztemangels» verknüpft oder sogar als ursächlich für diesen betrachtet.


Nahezu alles an diesem Bild ist falsch. Zum einen handelt es sich bei der Migration von Ärzten ins Ausland mitnichten um ein Massenphänomen. Im Jahr 2018 haben etwa 1`100 deutsche Ärzte Deutschland den Rücken gekehrt, das entspricht 0.32% aller in Deutschland tätigen Ärzte mit deutscher Staatsbürgerschaft. Das ist keine sonderlich hohe Quote, besonders wenn man bedenkt, dass die allgemeine Auswandungsquote aller Deutschen laut Statistischem Bundesamt bei 0.36% liegt, also sogar noch etwas darüber. Ärzte wandern also nicht etwa häufiger, sondern tatsächlich sogar etwas seltener aus, als der durchschnittliche Deutsche.


Dem standen im Jahr 2018 standen über 4`500 neu nach Deutschland eingewanderte Ärzte gegenüber. Tatsache ist, dass das in Deutschland Einwanderungssaldo bei Ärzten seit über 10 Jahren positiv ist. Allein 2018 kamen viermal mehr Ärzte ins Land als gingen. Die Auswanderung von Ärzten mit dem gefühlten «Ärztemangel» zu verknüpfen ist also reichlich abenteuerlich, wobei es natürlich bequem von den diversen strukturellen Problemen ablenken mag.


Auch wenn man den Eindruck bekommen könnte ist es mitnichten so, dass die deutsche Ärzteschaft geschlossen auf ihren schon gepackten Koffern sitzen würde. Laut einer Studie aus dem Jahr 2017 können sich nur 13.5% der deutschen Ärzte vorstellen, für einige Jahre ins Ausland zu gehen. Wenn es darum geht, Deutschland für immer zu verlassen, dann kommt dies nur für 7.9 der befragten Ärzte in Betracht.


Abschliessend kann man daher wohl sagen, dass Ärzte genauso wenig leichtfertig auswandern wie andere Berufsgruppen. Die Abenteuerlustigen unter ihnen nutzen die Freizügigkeit in Europa, um sich beruflich und privat in einem grösseren Radius zu orientieren, als dies in früheren Zeiten möglich gewesen wäre. Dies hat nur wenig mit dem Ärztemangel, aber gewiss viel mit den Bedingungen zu tun, unter denen in Deutschland und im Ausland Medizin praktiziert wird.



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