• Alexander Pigulla

Wie geht die Schweiz mit dem Coronavirus um?

Aktualisiert: 3. Apr. 2020

Seit dem Dezember 2019 hält das Coronavirus SARS-CoV-2 die Welt in Atem. Was in der chinesischen Stadt Wuhan als eine Reihe mysteriöser Lungenentzündungen begann hat sich längst zu einer Kette lokaler Epidemien ausgewachsen, die mutmasslich zu einer globalen Pandemie führen werden.


Wie geht die Schweiz mit dem neuen Coronavirus um? Was sind die Unterschiede im Vergleich zum Umland? Um dies zu erläutern hier nun zunächst zuerst eine kurze Chronologie der Ereignisse in der Schweiz:


Am 25. Februar wurde die erste Corona-Infektion in der Schweiz bestätigt, bei einem Patienten, der sich in Italien angesteckt hatte. In den folgenden zwei Tagen kamen dann sieben weitere bestätigte Infektionen dazu, ebenfalls bei Italien-Heimkehrern.


Am 27. Februar lancierte das BAG die grossangelegte Aufklärungskampagne «So schützen wir uns» mit Hygiene- und Verhaltensregeln, um die Verbreitung des neuen Coronavirus' zu verhindern oder zu bremsen. Seither hängen die stetig aktualisierten Aushänge der Kampagne in zahllosen Büros, Praxen und öffentlichen Einrichtungen, um die Bevölkerung informiert zu halten.


Am 28. Februar verkündete dann das Bundesamt für Gesundheit (BAG), dass das Virus definitiv in der Schweiz angekommen ist und weitere Massnahmen erforderlich sind. Erklärtes Ziel ist es, das Virus so effizient wie möglich auszubremsen und so für einen möglichst flachen Verlauf der Infektionskurve zu sorgen, der das Gesundheitssystem entlastet. Der Schweizer Bundesrat verbot daraufhin alle Veranstaltung mit mehr als 1000 Teilnehmern. Ab 150 Teilnehmern müssen die Kantone eine Risikoabwägung vornehmen. Die Basler Fasnacht wurde abgesagt, ebenso der Genfer Autosalon und zahlreiche Sportveranstaltungen. Auch die Schweizer Fussballliga trägt seither keine Spiele mehr aus.


Das BAG gibt derweil regelmässig aktualisierte Informationen für Gesundheitsfachpersonen aus, und es gibt inzwischen nahezu täglich Updates per Email an die Niedergelassenen und die Spitäler. In den Krankenhäusern der Schweiz bereitet man sich längst auf das unvermeidbar scheinende Anwachsen der Ansteckungsrate vor und auch der Assistenzdienst der Armee wurde in Bereitschaft versetzt. Parallel wird bereits in der Fläche an Ausbau und Erweiterung der Intensivstationen gearbeitet, um spätestens zum Herbst noch mehr Betten bereitstellen zu können, rechtzeitig zu einer möglichen neuen Infektionswelle. Auf Anregung des BAG und der kantonalen Behörden werden zudem überall im Land verschiedene Massnahmen zum Infektionsschutz umgesetzt, von ÖPNV-Unternehmen bis hin zu Konzert-Veranstaltern, die dazu beitragen sollen, die Ausbreitung möglichst stark zu verlangsamen, ohne das öffentliche Leben zu sehr einzuschränken.


Bis zum 11. März gab es in der Schweiz 4 Todesfälle durch COVID-19. Die bestätigte Gesamtzahl der angesteckten Personen betrug 645.


Schaut man in das direkte Umland, dann fällt das Vorgehen der Schweizer Behörden als vergleichsweise proaktiv und konsequent auf. Die Vorgaben aus Bern sind keine blossen Empfehlungen an die Kantone, sondern setzen Mindeststandards, die dann von den kantonalen Behörden ergänzt und den Gegebenheiten vor Ort angepasst werden. Als Grundlage dafür dient der seit 1995 jährlich aktualisierte «Influenza-Pandemieplan Schweiz», der sich auf das SARS-CoV-2 anpassen liess.


Auch unter den Ärzten der Schweiz gibt es mancherorts Beschaffungsprobleme und den Wunsch nach noch schnellerer oder umfassenderer Information. Anders als im Umland hört man bisher aber keine in den sozialen Medien geäusserten Klagen von Niedergelassenen oder Spitalärzten, die sich nicht ausreichend informiert und unterstützt, oder gar regelrecht allein gelassen fühlen. Allerdings sorgt es in der Schweiz für Unverständnis, dass Deutschland den verhängten Exportstop für medizinisches Schutzmaterial offenbar auch für Güter aus Drittstaaten gelten lässt und sogar entsprechende Container beschlagnahmt, für die Deutschland nur Transitland ist.


Gemessen an der Schweiz wirkte der Umgang der deutschen Behörden mit dem Corona-Virus uneinheitlich oder sogar unkoordiniert. Massenveranstaltungen sind in Deutschland zum Beispiel noch immer nicht grundsätzlich verboten. Wie schwer man sich damit tat, die Spiele der Bundesliga einzuschränken, lösste hierzulande schlicht Kopfschütteln aus. Es ist aus der Sicht hiesiger Mediziner nicht nachzuvollziehen, dass derart gravierende Entscheidungen nicht zentral von Experten getroffen werden, sondern von kommunalen Gesundheitsämtern oder teilweise sogar von Laien. Wenn dabei zwischen einer so schwer greifbaren epidemiologischen Bedrohung und ganz konkreten wirtschaftlichen Schäden abgewogen werden muss, dann siegt dabei nicht zwingend die gesundheitspolitische Vernunft.


Einen ähnlichen Eindruck macht Deutschland auch bezüglich der generellen Information der Bevölkerung. Zwar laufen auch im «Grossen Kanton» Kampagnen, doch diese sind scheinbar längst nicht so präsent wie die in der Schweiz geradezu allgegenwärtigen roten Plakate der BAG. Man muss daher befürchten, dass auch die Bevölkerung nicht im gleichen Masse sensibilisiert ist.


Nach heutigem Stand erwarten die Schweizer Behörden den Höhepunkt der Epidemie Mitte Mai. Der Verlauf in Deutschland wird vermutlich ähnlich sein. Wir werden Sie in diesem Blog künftig über die weiteren Entwicklungen in der Schweiz und bezüglich der hier umgesetzten Massnahmen informieren.


Bildrechte: Bundesamt für Gesundheit (BAG)

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